27.11.2026
· 19:30
Uhr
Martin Stadtfeld & Klenke Quartett

Konzerte, Festivals, Show & Tanz
„Alles mit Gott und nichts ohn' ihn“
MARTIN STADTFELD (Klavier)
KLENKE QUARTETT
Johann Sebastian Bach
Arie „Alles mit Gott und nichts ohn‘ ihn“, BWV 1127
Piano Concert Nr. 5 F-Dur, BWV 1056, II Largo
Georg Friedrich Händel
Arie aus Solomon „Will the sun forget to streak“, HWV 67
Ouvertüre aus Solomon, HWV 67
Arie aus Rinaldo „Lascia chio pianga“, HWV 7
Henry Purcell
Fantasia in d-moll | Chaconne in g-moll
Bach/Mozart
Präludium und Fuge D-Dur, BWV 874
Präludium und Fuge Es-Dur, BWV 876
Präludium und Fuge E-Dur, BWV 878
***
Robert Schumann
Klavierquintett Es-Dur op. 44
OMNIA CUM DEO ET NIHIL SINE EO
Wahlspruch Herzog Wilhelm Ernsts über dem Portal von Schloss Ettersburg
An absolutistische Herrscher des Barock adressierte Bittschriften, Widmungen und Ergebenheitsbekundungen erregen mit ihrer in umständlichen Wortgirlanden zum Ausdruck gebrachten Unterwürfigkeit beim heutigen Leser ein gewisses Schamgefühl. Besonders unpassend erscheint uns derlei kleingeistige Servilität, wenn sie ausgerechnet von großen Geistern vorgebracht wurde, um etwa den Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn mit tieffster Devotion und demüthigsten Bitten zur Anstellung bei Hofe zu bewegen, dabei schuldigsten Gehorsam und unauffhörliche Treue offerierend.
Doch was uns heute peinlich berührt, war zu jener Zeit selbstverständliche Normalität – wie etwa die kunstvollen Geburtstagsgratulationen, mit denen Regenten im Jahresrhythmus überhäuft wurden. Dieser Gattung darf das dem Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar im Jahre 1713 gewidmete Gedicht des Buttstädter Superintendenten Johann Anton Mylius zugerechnet werden. Das Wohlgefallen des Herzogs kalkulierend, nutzte er dessen Wahlspruch „Alles mit Gott und nichts ohn‘ ihn“ für den Titel seiner Ode und repetierte diesen im weiteren Verlauf 24-fach. Die zwölf Strophen formen ein Akrostichon, das den Namen des Herrschers buchstabiert, wobei jedem Buchstaben ein göttlicher Segen zugeordnet ist. Fußnoten mit Bibelstellen zur himmlischen Autorisierung des Gedichtinhalts komplettieren das ausgeklügelte Arrangement. Zur Steigerung der Wirkung beauftragte Mylius einen gewissen Johann Sebastian Bach, als junger Hoforganist passenderweise gerade im Dienst des Herzogs stehend, mit der Vertonung, welche dieser in Form einer Strophenarie für Sopran und Continuo nebst Streicher-Ritornell kunstvoll besorgte – mit 52 Basstönen im Vorspiel, um das neue herzogliche Lebensjahr anzuzeigen.
(Dass wir überhaupt Kenntnis von der Existenz dieser Komposition haben, ist ein kleines musikgeschichtliches Wunder. Unerkannt schlummerte die Partitur fast 250 Jahre in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Gemeinsam mit anderen Dokumenten wurde sie kurz vor der geplanten Sanierung des Gebäudes im Jahr 2004 ausgelagert und entging damit womöglich dem verheerenden Feuer vom 2. September desselben Jahres. Im Mai 2005 wurde sie vom Musikwissenschaftler Michael Maul wiederentdeckt.)
Mylius mag wohl vor allem Dankbarkeit zum Verfassen dieses Geburtstagsständchens bewogen haben, hatte doch der Weimarer Herzog die Erneuerung der Buttstädter Kirche großzügig unterstützt. Gleichzeitig nutzte der Gottesmann die Gelegenheit zur frommen Belehrung des Regenten: In jeder Zeile schwingt die Ermahnung mit, dem selbstgewählten Motto auch wirklich treu zu bleiben und keine Politik ohne göttliche Rückversicherung zu betreiben. Dieser inhaltlichen Tendenz dürfte auch Bach zugestimmt haben, der seine Werke in selbstverständlicher Gewohnheit mit SDG signierte. Welche Motive ihn letztlich zum Mitwirken getrieben haben, ist nicht überliefert. War es bloße Pflichttreue gegenüber dem Dienstherrn oder der Wunsch, den Superintendenten bei der frommen Erbauung des Herzogs zu unterstützen; schwang eigennütziges Karrierekalkül mit? Ausgezahlt hat sich das Engagement jedenfalls: Nur wenige Monate, nachdem das Stück dem Jubilar (höchstwahrscheinlich auf Schloss Ettersburg) zum Vortrag gebracht worden war, sah sich Bach von seinem geschmeichelten Arbeitgeber zum Kapellmeister befördert.
Wir sind befremdet vom devoten Stil solcherart demonstrativ zur Schau gestellten Untergebenheit; heute gänzlich anstößig erscheinen uns der Anruch von Günstlingswirtschaft und die Verquickung von politischer Macht mit religiösem Anspruch. Christliche Erbauungslyrik, vertont von einem hochrangigen Künstler, öffentlich vorgetragen im Thüringer Landtag zu Ehren, Schmeichelei und religiöser Ermahnung des amtierenden Ministerpräsidenten – dieses Gedankenspiel stößt schnell an die Grenzen des heute Vorstellbaren. Die strikte Trennung der Sphären und Gewalten ist uns als unabdingbare Notwendigkeit für ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen geläufig. Aber sind wir uns auch des Preises bewusst, den die moderne Gesellschaft dafür in Form geistiger Verarmung entrichtet?
„Alles mit Gott und nichts ohn‘ ihn“ mag als das persönliche Motto eines strengen, zur Frömmelei neigenden Ernestiners gelesen werden. Bei genauerem Hinsehen schimmert jedoch der Zeitgeist einer ganzen Epoche durch diese Worte und malt uns vor Augen, was wir verloren haben: Wilhelm Ernst, Bach, Mylius und ihre Zeitgenossen betrachteten alles in allem und keines ohne das andere. Politik und Spiritualität, Handwerk und Kunst, Natur und Kultur – diese Sphären waren aufs engste ineinander verschränkt und befruchteten sich zu gegenseitigem Nutzen. Höhenflüge in Staatskunst, Philosophie, Musik, Architektur und Wissenschaft wurden erst durch diese Art gegenseitiger Bezogenheit möglich – und hallen bis heute nach.
Die musikalische Ausnahmeerscheinung Bach wird uns zwar immer unerklärlich bleiben, aber mit einiger Sicherheit dürfen wir annehmen, dass sie sich in keinem anderen Zeitalter besser hätte entfalten können als im Barock. Nur in der Gewissheit einer harmonischen Weltordnung mit Gott an der Spitze und darunter sich durchdringenden und gegenseitig stärkenden Strukturelementen konnte Musik komponiert werden, die für Generationen zur künstlerischen Inspirationsquelle mit weltordnender Wirkung geworden ist. Robert Schumann gehörte zu denen, die sich bei Bach zur täglichen Andacht einfanden. Unter Sprunghaftigkeit und Melancholie leidend, fand er im Studium des strengen Kontrapunkts Rettung aus seinem inneren Chaos und Ordnung für sein künstlerisches Schaffen. Seinen Dank für Inspiration und Therapie stattete er in vielfältiger Weise ab: mit der Komposition der Sechs Fugen über den Namen B-A-C-H, als Chorleiter der Johannespassion, als Mitbegründer der Bach-Gesellschaft… Im Klavierquintett op. 44 und dessen berühmter Doppelfuge im vierten Satz findet Schumanns Auseinandersetzung mit der Bach’schen Polyphonie ihren vielleicht reifsten Ausdruck.
Auch Schloss Ettersburg erinnert uns an die Wirkkraft der heute so fremd erscheinenden barocken Weltsicht. Eben jener von Bach und Mylius beglückwünschte Herzog Wilhelm Ernst ließ das Schloss am Ort des ehemaligen Augustinerklosters errichten. Die Eisentafel mit dem weimarischen Wappen und dem herzoglichen Wahlspruch über dem Eingang erinnert bis heute daran. Hier, im heutigen Gewehrsaal, dürfte Bach gemeinsam mit der Hofkapelle wahrscheinlich schon zur Einweihung des Schlosses im Jahre 1712 musiziert haben. Herzog Ernst August ließ den Bau in barocker Pracht erweitern; Anna Amalia machte ihn zum Musenhof der Weimarer Klassik; Goethe fühlte sich hier „groß und frei wie die große Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte“; über zwei Jahrhunderte besuchen Künstler und Intellektuelle das Schloss als Einkehr, Kraftquelle und Schaffensort: Friedrich Schiller, Corona Schröter, Franz Liszt, Hermann von Pückler-Muskau, Hans Christian Andersen… Heute ist Schloss Ettersburg wieder ein Ort, an dem die verschiedenen Sphären ohne Berührungsangst ineinandergreifen dürfen. Künstler, Politiker, Unternehmer, Theologen, Bürger begegnen sich wieder unter Wilhelm Ernsts Wahlspruch OMNIA CUM DEO ET NIHIL SINE EO und lassen uns neu begreifen, welche schöpferische Kraft dort entsteht, wo alles in allem und keines ohne das andere ist.
Dieses Konzert steht musikalisch unter dem Motto „Alles mit Gott und nichts ohn‘ ihn“ in der Vertonung von Johann Sebastian Bach. Werke seiner Zeit(geist)genossen Purcell und Händel ergänzen das musikalische Epochengemälde. In Robert Schumanns Klavierquintett kommt die enorme künstlerische Wirkungsgeschichte zum Ausdruck, die so eng mit Bach, Weimar und Schloss Ettersburg verbunden ist. Bachs Präludien und die von Mozart für Streichquartett gesetzten Fugen weben einen roten Faden durch das gesamte Programm.
Eintritt: 27 € /22 € | Schüler und Studenten: 5 €
Freitag, 27.11.2026
19:30 Uhr
Veranstaltungsort:
Schloss Ettersburg - Gewehrsaal
Am Schloss 1
99439 Ettersburg
Karte
Veranstalter:
Kammermusikverein Weimar e.V. - AUFTAKT Klenke Quartett
Albrecht-Dürer-Straße 8
99423 Weimar
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